ADHD - "ADHD 6"
Fr 2. Februar 2018 | 21:00
ADHD - "ADHD 6"

Lebenskurven verlaufen unterschiedlich. Auf einer Insel wie Island, auf der nicht nur jeder Einwohner fast jeden anderen Einwohner kennt, sondern jeder Musiker, egal welchen Genres, schon mal mit jedem anderen Musiker, egal welchen anderen Genres, gespielt hat, entfalten sich Lebenskurven ganz anders als in einem multiplen Wimmelgebilde wie Deutschland. Die vierköpfige Band ADHD kommt genau daher – aus Island. Ihre bisherigen fünf CDs waren Sinnbilder für die unendlichen Weiten des hohen Nordens, dessen freie Sichtachsen höchstens von Vulkanen unterbrochen werden, deren Namen nicht einmal geübte Nachrichtensprecher problemfrei über die Lippen bekommen. Island – ein Land der Extreme. Zu diesen Extremen gehört eben auch eine extrem hohe Musikerdichte, gemessen an der Gesamtbevölkerung. Eine Dichte, die auf kurz oder lang Reibung verursacht. Und die ist nun auf „6“ zu hören.

Das Motto von ADHD könnte lauten: „We are family“! Keyboarder DAVÍÐ ÞÓR JÓNSSON, Gitarrist und Bassist ÓMAR GUÐJÓNSSON, Saxofonist ÓSKAR GUÐJÓNSSON und Schlagzeuger  MAGNÚS TRYGVASON ELIASSEN kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Mehr als alles andere sind sie Freunde, die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen. Genau genommen sind sie der kreative Kern einer großen Familie, zu der auch alle anderen Mitglieder – Frauen, Kinder, Freunde, Verwandte, Gleichgesinnte – dieses verschworenen Stammes gehören. Immer was los im Hause ADHD. Also doch ein Wimmelgebilde. Seit 2009 sind sie obendrein eine Band, aber da sie sich schon so lange kennen, sind sie immer ohne Definitionen oder Kategorien ausgekommen. „Viele Bands arbeiten zusammen, weil es sich aus musikalischen Gründen anbietet“, erzählt ÓSKAR GUÐJÓNSSON. „Bei uns ist das ein wenig anders. Unsere musikalischen Hintergründe sind höchst unterschiedlich, aber wir gehören zusammen. In der Band können wir unsere gemeinsame Basis definieren.“

Diese Suche nach dem gemeinsamen Punkt in der Konzentration der Weite macht die vier Wikinger zu einer unverwechselbaren Einheit. Obgleich die instrumentalen Zuständigkeiten zwischen den Mitgliedern klar verteilt sind, geht es doch immer um den kollektiven Sound, der wiederum so kompakt ist, dass sich das Kollektive in einem unteilbaren Ganzen auflöst. Sie sind eine Band, in der sich die vier Extremisten ausleben können, aber komplett ohne rituelle Muskelspielereien auskommen.

Der Bandname ADHD (Attention Deficit Hyperactivity Disorder) mag angesichts der geradezu hypnotischen Wirkung der musikalischen Verläufe innerhalb der Formation dieses Namens ein wenig verwirrend sein, aber GUÐJÓNSSON räumt auch eine therapeutische Wirkung auf die Gruppe selbst ein. Wie bei einem Vulkan konzentriert sich die Energie zunächst nach innen, um daraufhin mit umso mehr Wucht und Nachdruck nach außen zu dringen. Auf ihrem neuen Album „6“ fokussieren ADHD sich noch viel überzeugender als bisher auf ihre eruptive Live-Energie.

„6“ – die Nummerierungen der Titel haben sie sich von Led Zeppelin abgeguckt – ist in vieler Hinsicht eine Zäsur. ADHD nahmen sich im Studio doppelt so viel Zeit wie sonst. Und plötzlich treten wie Geysire Dinge an die Oberfläche, die man so nicht im Sound der Band vermutet hätte. Im festen Verbund eines kohäsiven Quartetts schälen sich vier Individualisten heraus, die mit dem Standbein jeweils immer noch auf der gemeinsamen Plattform stehen, sich mit dem Spielbein aber in vier unterschiedliche Richtungen wagen. Es rockt, brodelt und zischt. Kontraste treten hervor. Die Musik bleibt im jazzigen Flow kontemplativ, und doch sind da plötzlich Störgeräusche, Umleitungen und Ablenkungen, die so im Gefüge der Band bisher nicht zu hören waren. GUÐJÓNSSON lacht versonnen. „Ist es nicht genau das, worum es im Leben geht? Kontraste.“

Einen ähnlich wichtigen Anteil an dieser Neuaufstellung unter gleichen Vorzeichen hatte das heimliche fünfte Mitglied von ADHD, Toningenieur ÍVARI RAGNARSSYNI, der in der zerklüfteten Landschaft des isländischen Sounds all jene Kontraste, Konturen und Abgründe herausarbeiten konnte, die der stilistischen Vielfalt der Band endlich vollends gerecht werden. Doch nicht nur das, die Isländer klingen rauer und direkter als je zuvor. In das zentrale ADHD-Motiv Frieden mischen sich Anklänge von urbaner Wut und Unnachgiebigkeit. GUÐJÓNSSON führt das auf den Umstand zurück, dass alle vier Bandmitglieder mittlerweile Väter sind, was die gemeinsame Family Affair nochmal mehr in den Mittelpunkt rückt. „Wir wissen inzwischen, worum es im Leben geht. Das schlägt sich in unserer Musik wieder.“

ADHD leugnen keineswegs ihre Wurzeln im Jazz. Improvisation und das spontane Reagieren auf den Augenblick sind immer noch wesentliche Komponenten in ihrer Musik. Doch Musiker von einer Insel, auf der nur 300.000 Menschen leben, müssen vielseitig aufgestellt sein. Insofern leugnen sie überhaupt nichts, sondern öffnen alle Türen, lassen alles zu, was sie auch in anderen Kontexten musikalisch umtreibt. Mit jedem Album steigern sie die radikale Bewusstheit, mit der sie diese ebenso monolithische wie holistische Musik spielen, und gehen aufs Ganze. Auf „6“ lassen sie vollends alle Regeln und Rücksichten hinter sich und gelangen an einen Punkt, an dem es nur noch um ein unmittelbares Ausleben ihrer selbst im Klang geht. Jeder für sich und alle gemeinsam. Das Drehbuch für „6“ ist ihnen direkt vom Leben in die Instrumente geschrieben worden. Und das ist gut so, denn auf diesem Weg wird die Familie immer größer.

 

Besetzung: ÓSKAR GUÐJÓNSSON (sax); DAVÍÐ ÞÓR JÓNSSON (p, org, keys); ÓMAR GUÐJÓNSSON (guit, b); MAGNÚS TRYGVASON (dr)

 

Mehr Infos unter: http://adhd-music.com/



Tickets im VVK:
Sitzplatz 24,00 € (Ermäßigt 22,00 €)
Stehplatz 14,00 € (Ermäßigt 12,00 €)

Tickets an der Abendkasse: Jeweils zzgl. 2 Euro